Inhaltsverzeichnis
Das Wichtigste in Kürze
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– Sparkassen (S-Neo), comdirect (Pure Depot), DKB und andere traditionelle Banken bauen digitale Trading-Angebote nach Neobroker-Vorbild
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– Gleichzeitig entwickeln sich Neobroker wie Trade Republic und Scalable Capital mit eigenen Banklizenzen zu Vollbanken
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– Strukturelle Nachteile (dezentrale Entscheidungen, Legacy-IT, Filialkosten) machen es traditionellen Banken schwer, bei Gebühren mitzuhalten
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– ABN AMRO zeigt einen alternativen Weg: Den Neobroker BUX einfach kaufen (68 Mio. €)
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– Die Musikindustrie zeigt, was passiert, wenn Platzhirsche Disruptoren nur kopieren statt sich neu zu erfinden
Die Sparkassen starten im April mit S-Neo ihre Antwort auf Trade Republic und Co. Aber sie sind nicht allein: Quer durch die Bankenlandschaft bauen traditionelle Institute digitale Handelsangebote, die verdächtig nach Neobroker aussehen.
Die Frage ist nicht, ob das eine gute Idee ist. Natürlich müssen sich Banken modernisieren. Die Frage ist: Reicht Kopieren, wenn sich der Markt längst weitergedreht hat?
Wer gerade was nachrüstet
Die Liste der traditionellen Banken, die Neobroker-Features übernehmen, wird länger:
Sparkassen starten S-Neo im April 2026: ETF-Handel direkt in der App, ein Depot mit wenigen Klicks. Ziel: die 36 Millionen Girokonto-Kunden halten, die bisher ihre Wertpapiere zu Trade Republic oder Scalable Capital getragen haben.
comdirect hat im Februar 2026 das „Pure Depot“ gestartet: 1 € flat pro Order, keine Depotgebühr, kostenlose Sparpläne. Handel nur über Gettex, keine Derivate. Die Commerzbank-Tochter kopiert das Trade-Republic-Modell fast 1:1, allerdings als separates Produkt neben dem klassischen Depot.
DKB hat einen radikaleren Schritt gewagt: Sie hat die DWP Bank als Wertpapier-Dienstleister rausgeworfen und arbeitet stattdessen mit dem Berliner Fintech Upvest zusammen. Ziel: eine schlankere, günstigere Handelsinfrastruktur.
Postbank baut sich unter dem Dach der Deutschen Bank zur „Neobank“ um. Neue kostenlose App-Konten, modulare Preismodelle, digitale Beratungszentren statt Filialen. 120 Standorte werden zu „Beratungsfilialen“ mit Video-Calls und Screen-Sharing umgerüstet.
ING Deutschland geht einen anderen Weg: Statt Flat-Fee bietet sie seit Juli 2025 ein Stufenmodell, bei dem Vieltrader Rabatte und kostenlose Orders erhalten. Beim Börsenhandel bleiben die Kosten bei 4,90 € plus 0,25 % vom Volumen.
Was traditionelle Banken nachrüsten
Alle Angaben ohne Gewähr. Preise können sich jederzeit ändern.
Das Gegenspiel: Neobroker werden zu Banken
Während traditionelle Banken versuchen, wie Neobroker auszusehen, passiert gleichzeitig das Gegenteil: Neobroker werden selbst zu Banken.
Trade Republic hat seit Dezember 2023 eine Vollbanklizenz der BaFin. 10 Millionen Kunden, 150 Milliarden Euro verwaltetes Vermögen, drei Jahre profitabel, Bewertung 12,5 Milliarden Euro. Dazu ein eigenes Girokonto mit Karte und 2 % Zinsen.
Scalable Capital erhielt im September 2025 die Banklizenz von der EZB. Seitdem bietet Scalable Konsumentenkredite bis 100.000 Euro an und expandiert ohne lokale Partnerbanken in sechs europäische Märkte.
Beide bewegen sich in Richtung Universalbank, also genau das Geschäftsmodell, das sie ursprünglich herausgefordert haben. Der Wettbewerb findet nicht mehr auf einem einzelnen Feld statt, sondern auf dem gesamten Spielfeld.
Warum Kopieren strukturell schwierig ist
Traditionelle Banken haben bei der Neobroker-Aufholjagd drei grundlegende Probleme:
1. Dezentrale Entscheidungsstrukturen. Bei den Sparkassen entscheiden 338 einzelne Institute über Gebühren, Teilnahme und technische Anbindung. Das macht einheitliche, konkurrenzfähige Preise nahezu unmöglich. Sparkassen-Präsidentin Liane Buchholz nennt die Parallelstruktur aus DWP Bank und Deka selbst „nicht sehr effizient“.
2. Legacy-IT und teure Infrastruktur. Laut Oliver Wyman spüren deutsche Banken 2025 und 2026 „stärkeren Gegenwind“: sinkende Zinsen drücken die Erträge, steigende Risikokosten die Profitabilität. Die DWP Bank und Deka als Backend-Dienstleister müssen ihre Kosten erst senken, bevor Sparkassen günstige Handelsgebühren anbieten können. Trade Republic hat dagegen von Anfang an auf eine schlanke Tech-Plattform gesetzt.
3. Filialkosten vs. App-only. Trade Republic beschäftigt rund 900 Mitarbeiter für 10 Millionen Kunden. Die Sparkassen unterhalten 6.700 Filialen. Diese Kostenstruktur lässt sich nicht einfach wegdigitalisieren, und sie fließt in jede Ordergebühr ein.
Deutsche Banken werden 2025 und 2026 stärkeren Gegenwind spüren: Die makroökonomische Eintrübung und sinkenden Zinsen lassen den Ertragspool schrumpfen, die steigenden Risikokosten drücken zusätzlich auf die Profitabilität.Alexander Peitsch Oliver Wyman Bankenreport 2025
Die Musikindustrie-Parallele
Wer verstehen will, warum Kopieren allein selten reicht, kann auf die Musikindustrie schauen. Als Napster und später Spotify die Branche umkrempelten, versuchten die großen Labels jahrelang, eigene Download-Plattformen zu starten. Keine davon überlebte.
Am Ende gewann ein branchenexterner Akteur: Apple. Nicht weil Apple mehr über Musik wusste, sondern weil Apple das Nutzererlebnis radikal vereinfachte. Ein Klick, ein Song, 99 Cent.
Die Parallele zum Banking liegt nahe: Die Sparkassen wissen mehr über ihre Kunden als Trade Republic. Sie haben 36 Millionen Girokonten, persönliche Berater, regionale Verankerung. Aber was Neobroker geschafft haben, ist genau das, was Apple mit iTunes gelang: Die Komplexität unsichtbar machen. Depot eröffnen? Zwei Minuten. ETF kaufen? Drei Taps. Gebühren? 1 Euro. Fertig.
Ein Me-too-Produkt mit der alten Kostenstruktur dahinter ist keine Disruption. Es ist ein Pflaster.
Der dritte Weg: Kaufen statt Bauen
Es gibt auch einen pragmatischeren Ansatz. Die niederländische ABN AMRO hat im Juli 2024 den Neobroker BUX für 68 Millionen Euro gekauft: 500.000 Kunden in acht Märkten, fertige Technologie, sofort einsatzbereit.
Das ist ein Bruchteil dessen, was die Sparkassen in S-Neo investieren, und liefert vom ersten Tag an ein funktionierendes Produkt. Der Nachteil: BUX-CEO Yorick Naeff betonte nach der Übernahme, er wolle BUX vor „zu viel ABN-AMRO-Einfluss“ schützen. Zu viel Integration droht genau das zu zerstören, was den Neobroker erfolgreich gemacht hat.
Was das PFOF-Verbot ändert
Ein Faktor könnte das Spielfeld etwas ausgeglichener machen: Das EU-weite Verbot von Payment for Order Flow ab dem 30. Juni 2026. PFOF war die Haupteinnahmequelle vieler Neobroker. Laut EY-Berater Christopher Schmitz traf es das Geschäftsmodell „im Kern“.
Trade Republic hat vorgebaut und wird zum eigenen Market Maker. Scalable Capital betreibt mit der EIX eine eigene Börse. Ob die Gebühren für Kunden trotzdem steigen, weiß noch niemand.
Für die Sparkassen ist das Timing günstig: S-Neo startet genau dann, wenn Neobroker unter regulatorischem Druck stehen. Falls Trade Republic oder Scalable Capital die Ordergebühren erhöhen müssen, schrumpft der Preisvorsprung.
Mehr dazu: PFOF-Verbot ab Juli 2026: Was sich für Neobroker-Kunden ändert
Unsere Einschätzung
Vorteile
- – Riesiger bestehender Kundenstamm (Sparkassen: 36 Mio. Girokonten)
- – Vertrauensvorsprung, besonders bei älteren Anlegern
- – Alles in einer App (Girokonto + Depot)
- – PFOF-Verbot könnte Preisabstand verkleinern
Nachteile
- – Dezentrale Entscheidungen (338 Sparkassen = 338 Preismodelle)
- – Legacy-IT und teure Infrastruktur
- – Neobroker werden selbst zu Banken, der Vorsprung „alles in einer App“ verschwindet
- – Kopieren ohne Kostenvorteil erzeugt kein überlegenes Produkt
Die Digitalisierungsoffensive der traditionellen Banken war überfällig. S-Neo, das comdirect Pure Depot und der DKB-Upvest-Wechsel zeigen, dass der Druck wirkt.
Aber die Neobroker stehen nicht still. Während Sparkassen ETF-Handel in ihre App einbauen, erweitern Trade Republic und Scalable Capital ihr Angebot um Girokonten, Karten und Kredite. Die Konvergenz läuft in beide Richtungen, und die Neobroker bewegen sich schneller.
Für dich als Anleger ist die Situation komfortabel: Mehr Wettbewerb bedeutet niedrigere Gebühren und bessere Produkte. Vergleiche regelmäßig, was deine Bank anbietet, und scheue dich nicht, zu wechseln, wenn sich woanders ein besseres Angebot ergibt.
Weiterführende Vergleiche
Du möchtest konkret vergleichen? Hier findest du unsere aktuellen Tests:
– Online-Broker im Vergleich
– Trade Republic vs. Scalable Capital
– S-Neo: Sparkassen starten ihren Neobroker-Angriff