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Mann steht in der Schlange bei der Deutschen Post, zieht Nummer 47, Display zeigt „Jetzt: Nr. 12". Fluoreszierendes Licht, Winterjacke, genervter Blick aufs Handy. Bürokratie-Hölle.
Hintergründe

EU Digital Identity Wallet: Das Ende von PostIdent und VideoIdent?

· Tobias Rehermann · 10 Min. Lesezeit
Mann steht in der Schlange bei der Deutschen Post, zieht Nummer 47, Display zeigt „Jetzt: Nr. 12". Fluoreszierendes Licht, Winterjacke, genervter Blick aufs Handy. Bürokratie-Hölle.

Das Wichtigste in Kürze

  • – Ab November 2026 müssen alle EU-Länder ihren Bürgern eine digitale Identitäts-Wallet anbieten. Deutschland startet Anfang 2027
  • – Banken müssen das EU Digital Identity Wallet bis Ende 2027 als Identifikationsmethode akzeptieren. PostIdent und VideoIdent verlieren an Bedeutung
  • – Die Kontoeröffnung wird von 1-3 Tagen auf unter eine Stunde schrumpfen, komplett digital, ohne Postfiliale und ohne Videocall
  • – Du entscheidest selbst, welche Daten du teilst (Selective Disclosure). Nur Name, Adresse und Geburtsdatum sind für eine Kontoeröffnung nötig
  • – Der Chaos Computer Club hat 2022 alle großen VideoIdent-Anbieter gehackt. Das EU Wallet löst dieses Sicherheitsproblem

Konto eröffnen in Deutschland, das bedeutet bisher: Entweder zur Post laufen (PostIdent), einen Videocall mit einem Fremden führen (VideoIdent) oder mit dem Personalausweis an ein Smartphone halten und hoffen, dass der NFC-Chip erkannt wird (eID). Keines dieser Verfahren macht Spaß. Und ab 2027 soll keines davon mehr nötig sein.

Das EU Digital Identity Wallet ersetzt alle bisherigen Identifikationsverfahren durch eine einzige App auf deinem Smartphone. Klingt nach einer weiteren Bürokratie-App der EU? Diesmal nicht. Denn die Wallet hat das Potenzial, die Art, wie du Bankkonten eröffnest, grundlegend zu verändern.

22 %

der Deutschen haben den Online-Ausweis (eID) tatsächlich genutzt

Quelle: Initiative D21, 2024

Was ist das EU Digital Identity Wallet?

Das EU Digital Identity Wallet (kurz: EUDI Wallet) ist eine digitale Brieftasche auf deinem Smartphone. Darin speicherst du deine Ausweisdaten, Adresse, Führerschein und perspektivisch auch Zeugnisse, Versicherungsnachweise oder Bankverbindungen. Die rechtliche Grundlage ist die eIDAS-2.0-Verordnung (EU 2024/1183), die im Mai 2024 in Kraft getreten ist.

Der entscheidende Unterschied zum bisherigen Online-Ausweis: Die Wallet funktioniert als eigenständige App, nicht als kryptischer NFC-Prozess mit PIN-Brief und Kartenleser. Alle Daten liegen verschlüsselt auf deinem Gerät. Kein zentraler Server, kein Cloud-Speicher.

Das Besondere: Die Wallet ist grenzüberschreitend gültig. Ein französischer Staatsbürger kann damit bei einer deutschen Neobank ein Konto eröffnen. Ein Deutscher kann in Spanien einen Mietvertrag unterschreiben. Die EU will damit eine einheitliche digitale Identität für 450 Millionen Bürger schaffen.

Die Timeline

EU Digital Identity Wallet: Timeline

Mai 2024
Was passiert eIDAS 2.0 tritt in Kraft
Januar 2026
Was passiert SPRIND startet Sandbox-Testumgebung in Deutschland
November 2026
Was passiert Alle EU-Länder müssen zertifizierte Wallets anbieten
Anfang 2027
Was passiert Deutschland startet seine EUDI Wallet (Basisfunktionen)
Juli 2027
Was passiert EU-Geldwäscheverordnung (AMLR) greift: VideoIdent wird zur Fallback-Option
Ende 2027
Was passiert Banken müssen das Wallet für die Identitätsprüfung akzeptieren

Alle Angaben ohne Gewähr. Preise können sich jederzeit ändern.

Was läuft falsch bei PostIdent, VideoIdent und eID?

Bevor wir über die Lösung sprechen: Warum braucht es überhaupt ein neues System?

PostIdent: Funktioniert, nervt aber

Du bekommst einen Coupon, gehst zur nächsten Postfiliale, zeigst deinen Ausweis, wartest in der Schlange. Die Post schickt das Ergebnis digital an die Bank. Dauer: 1-3 Werktage. Für eine Generation, die ihr Konto um 23 Uhr auf der Couch eröffnen will, ist PostIdent ein Anachronismus.

VideoIdent: Bequem, aber unsicher

VideoIdent war die moderne Alternative: Videocall starten, Ausweis in die Kamera halten, fertig in 10-15 Minuten. Anbieter wie IDnow und WebID machten das möglich. Fast jede Neobank nutzt VideoIdent: N26, Revolut, Tomorrow, DKB, Commerzbank.

Das Problem: Im August 2022 hat der Chaos Computer Club (CCC) demonstriert, dass alle sechs großen VideoIdent-Anbieter mit einfachen Mitteln ausgetrickst werden können. Consumer-Elektronik, Open-Source-Software und rote Wasserfarbe reichten aus, um biometrische Merkmale zu fälschen. Die Gematik hat VideoIdent daraufhin für die elektronische Patientenakte verboten.

Sicherheitswarnung

Die Polizei warnt regelmäßig vor Identitätsdiebstahl über VideoIdent. Kriminelle locken Wohnungssuchende in vermeintliche Bewerbungsprozesse und lassen sie per VideoIdent ein Konto eröffnen, das dann für Betrug missbraucht wird.

eID (Online-Ausweis): Sicher, aber kaum genutzt

Der deutsche Online-Ausweis mit NFC-Chip wäre eigentlich die sicherste Lösung. Nur: 2024 hatten gerade mal 22 % der Deutschen die eID-Funktion tatsächlich genutzt. 35 % haben sie aktiviert, aber nie eingesetzt. Der Rest hat davon entweder noch nie gehört oder die PIN-Aktivierung war zu umständlich.

Die Gründe für die geringe Nutzung: komplizierter PIN-Brief per Post, kaum überzeugende Anwendungsfälle und rund 30 % „digitale Zweifler“ in der deutschen Bevölkerung. Zum Vergleich: In den USA liegt der Anteil bei 20 %, in China bei 10 %. Deutschland ist beim digitalen Ausweis internationales Schlusslicht unter den vergleichbaren Industrienationen. Das EUDI Wallet soll dieses Problem lösen, indem es die eID in eine nutzerfreundliche App verpackt.

Wie das EU Wallet die Kontoeröffnung verändert

Die Kontoeröffnung per Wallet ist nicht nur schneller. Sie ist auch billiger für die Bank. Branchenanalysen rechnen mit 40-60 % niedrigeren operativen Kosten pro Kontoeröffnung. Die „First-Time-Right“-Rate steigt von bisher 65-80 % auf 90-98 %, weil kryptographisch signierte Daten keine Tippfehler und keine unleserlichen Ausweisfotos enthalten.

Mit dem EUDI Wallet sieht eine Kontoeröffnung bei einer Neobank künftig so aus:

Kontoeröffnung mit EU Digital Identity Wallet

1

Wallet öffnen und Bank-Anfrage bestätigen

Die Bank sendet eine Identitätsanfrage. Du öffnest deine EUDI Wallet und siehst genau, welche Daten die Bank benötigt: Name, Geburtsdatum, Adresse. Nichts anderes.
2

Daten freigeben

Du bestätigst die Freigabe per Fingerabdruck oder Face-ID. Die Wallet überträgt deine kryptographisch signierten Ausweisdaten direkt an die Bank. Keine Kamera, kein Videocall, kein Postweg.
3

Konto ist eröffnet

Die Bank verifiziert die Daten automatisch. Bei sauberer Integration dauert der gesamte Prozess unter einer Stunde. Branchenexperten rechnen mit 70-90 % weniger Bearbeitungszeit gegenüber VideoIdent.
70-90 %

weniger Bearbeitungszeit bei der Kontoeröffnung mit EUDI Wallet

Quelle: paperfly.io / Branchenanalyse

Welche Neobanken bereiten sich vor?

Konkrete Ankündigungen gibt es von den großen Neobanken noch nicht. Weder N26, noch Revolut, Trade Republic oder bunq haben öffentlich kommuniziert, wie sie das Wallet integrieren werden.

Hinter den Kulissen passiert aber einiges: Im November 2025 haben über 75 deutsche Unternehmen und Organisationen ein Memorandum of Understanding zur EUDI-Wallet-Kooperation unterzeichnet. Die Lissi GmbH (mit Verbindungen zur Commerzbank) entwickelt als einer der aktivsten deutschen Akteure die technische Integration für den Bankensektor.

Die EU hat in den Pilotprojekten POTENTIAL und NOBID explizit die Kontoeröffnung als Anwendungsfall getestet. Deutschland war an beiden Projekten beteiligt. Seit Januar 2026 gibt es eine Sandbox-Testumgebung von SPRIND, in der Banken und Unternehmen die Wallet-Integration testen können.

Klar ist: Ab Ende 2027 müssen alle Banken, Zahlungsdienstleister und E-Geld-Institute das Wallet als KYC-Methode akzeptieren. Das schließt jede Neobank ein, die in der EU operiert.

Für Neobanken könnte das Wallet sogar ein Wettbewerbsvorteil werden: Wer als erster die Wallet-Integration anbietet, senkt die Hürde für Neukunden massiv. Statt 10-15 Minuten VideoIdent reicht ein Fingerabdruck. Gerade für Banken wie C24 oder Openbank, die auf schnelle Kontoeröffnung setzen, ist das ein Unterscheidungsmerkmal.

Datenschutz: Was wird geteilt?

Ein häufiges Bedenken: Wenn alle meine Daten in einer App liegen, wer hat dann Zugriff?

Die Antwort: nur du. Das EUDI Wallet basiert auf dem Prinzip der „Selective Disclosure“. Du entscheidest bei jeder Anfrage einzeln, welche Daten du freigibst. Für eine Kontoeröffnung braucht die Bank Name, Geburtsdatum und Adresse. Nicht deinen Führerschein, nicht deine Zeugnisse, nicht deinen Versicherungsstatus.

Technisch funktioniert das über kryptographische Signaturen: Die Daten werden vom Personalausweis-Chip über NFC in die Wallet übertragen und dort verschlüsselt gespeichert. Bei einer Anfrage generiert die Wallet einen Nachweis, der nur die angefragten Attribute enthält. Die Bank kann die Echtheit prüfen, ohne zusätzliche Daten zu sehen.

Alle Transaktionen werden in einem Protokoll gespeichert, das du jederzeit einsehen kannst: Wer hat wann welche Daten angefragt? Querverbindungen zwischen verschiedenen Diensten (Cross-Service-Profiling) sind technisch ausgeschlossen.

Das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) ist direkt an der Entwicklung beteiligt und hat im Januar 2026 einen Handlungsleitfaden veröffentlicht. Zusammen mit der französischen ANSSI hat das BSI allerdings auch Sicherheitsrisiken benannt: Deepfake-Angriffe und KI-generierte synthetische Identitäten stellen eine Herausforderung dar, die noch nicht vollständig gelöst ist. Trotzdem gilt: Die kryptographische Signatur des Personalausweises ist deutlich schwerer zu fälschen als ein Gesicht vor einer Webcam.

Der deutsche Ansatz vermeidet bewusst die Abhängigkeit von Apple oder Google. Die Wallet läuft als eigenständige App, ohne Cloud-Zwang und ohne dass deine Daten über ausländische Server geschleust werden. Die Bundesdruckerei und das Fraunhofer AISEC sind als Technologiepartner an der Entwicklung beteiligt.

Die Fernidentifikation für EUDI Wallets bleibt eine erhebliche Herausforderung. Deepfake-Angriffe und KI-generierte synthetische Identitäten erfordern neue Schutzmaßnahmen.
BSI und ANSSI Gemeinsames Positionspapier, Juli 2025

Was das Wallet noch kann: Mehr als nur Kontoeröffnung

Die Kontoeröffnung ist der offensichtlichste Banking-Anwendungsfall. Die EUDI Wallet kann aber mehr:

  • Qualifizierte elektronische Signatur (QES): Verträge digital unterschreiben, ohne zusätzliche Hardware. Kein Chipkartenleser, kein USB-Stick. Die Signatur ist rechtlich gleichwertig mit einer handschriftlichen Unterschrift.
  • Zahlungsfreigabe: Das NOBID-Pilotprojekt hat getestet, wie Zahlungen per Wallet autorisiert werden. QR-Code scannen, Wallet bestätigen, Zahlung freigegeben.
  • Adressnachweis: Banken verlangen bei der Kontoeröffnung oft einen separaten Adressnachweis (Meldebescheinigung). Die Wallet liefert die aktuelle Meldeadresse direkt aus den Ausweisdaten.
  • Einkommensnachweis: Perspektivisch könnten auch Gehaltsabrechnungen oder Steuerbescheide in der Wallet gespeichert werden. Für Kreditanfragen wäre das ein enormer Zeitgewinn.

Neun EU-Länder haben bereits nationale digitale Identitäts-Wallets im Einsatz: Österreich, Belgien, Frankreich, Italien, Portugal und vier weitere. Deutschland startet später, hat aber laut einer Marktanalyse die meisten in Entwicklung befindlichen Wallet-Lösungen.

Vergleich: Alle Ident-Verfahren auf einen Blick

Identifikationsverfahren im Vergleich

PostIdent
Dauer 1-3 Tage
Sicherheit Hoch (physisch)
Bequemlichkeit Niedrig
Status ab 2027 Auslaufend
VideoIdent
Dauer 10-15 Min
Sicherheit Mittel (CCC-Hack 2022)
Bequemlichkeit Mittel
Status ab 2027 Fallback-Option
eID (Online-Ausweis)
Dauer 5-10 Min
Sicherheit Sehr hoch (NFC-Chip)
Bequemlichkeit Niedrig (PIN-Chaos)
Status ab 2027 Weiterhin verfügbar
EU Digital Identity Wallet
Dauer Unter 1 Stunde
Sicherheit Sehr hoch (kryptographisch)
Bequemlichkeit Hoch (App-basiert)
Status ab 2027 Primäre Methode

Alle Angaben ohne Gewähr. Preise können sich jederzeit ändern.

Fazit: Was bedeutet das für dich?

Das EU Digital Identity Wallet kommt. Deutschland startet Anfang 2027, bis Ende 2027 müssen alle Banken mitmachen. Für dich heißt das: Kontoeröffnung wird so einfach wie eine App-Installation. Kein Gang zur Post, kein Videocall, keine PIN-Briefe.

Kurzfristig ändert sich noch nichts. Die Wallet ist noch nicht verfügbar, und die Neobanken haben ihre Integrationen noch nicht angekündigt. Aber: VideoIdent wird ab Juli 2027 zur reinen Fallback-Option herabgestuft. Die EU-Geldwäscheverordnung (AMLR) gibt eIDAS-zertifizierten Methoden klar den Vorzug. VideoIdent darf dann nur noch genutzt werden, wenn keine Wallet-basierte Alternative verfügbar ist.

Für Kunden von Wise oder Revolut, die regelmäßig in anderen EU-Ländern Konten oder Dienste nutzen, bringt das Wallet einen zusätzlichen Vorteil: Die grenzüberschreitende Identifikation funktioniert ohne Sonderverfahren. Kein separater KYC-Prozess für jedes Land.

Wenn du aktuell ein Konto eröffnen willst, nutze VideoIdent oder den Online-Ausweis. Unser Girokonto-Vergleich zeigt dir die besten Optionen. Wer die eID noch nicht aktiviert hat: Das jetzt nachzuholen ist sinnvoll. Die EUDI Wallet baut auf der gleichen NFC-Technologie auf. Die Aktivierung deines Online-Ausweises ist die beste Vorbereitung auf das neue System.

Unser Tipp

Aktiviere jetzt die eID-Funktion deines Personalausweises, falls noch nicht geschehen. Du brauchst dafür nur die AusweisApp2 und ein NFC-fähiges Smartphone. Das ist die beste Vorbereitung auf das EUDI Wallet, das 2027 kommt.

Quellen

  1. Europäische Kommission: „EUDI Wallet Pilot Implementation“. digital-strategy.ec.europa.eu
  2. Bundesministerium für Digitales und Verkehr: „EUDI-Wallet Projektseite“. bmds.bund.de
  3. BSI: „Handlungsleitfaden EUDI-Wallet für Behörden“, Januar 2026. bsi.bund.de
  4. Chaos Computer Club: „Angriff auf Video-Ident“, August 2022. ccc.de
  5. Initiative D21: „eGovernment Monitor 2024 – eID-Nutzung“. initiatived21.de
  6. paperfly.io: „eIDAS 2.0 & EUDI-Wallet: Vorbereitung für Banken 2026-2027″. paperfly.io

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